Kapitelübersicht

Inhalt

2.2.2

Kritisch Kranke mit SIRS/Sepsis/MODS *AP*

Factbox

  • Durchführung eines Ernährungsscreenings (siehe auch Artikel 1.3.2)‍
  • Individualisierte Ernährungstherapie zur adäquaten Nährstoffversorgung
  • Metabolische Intoleranz und Refeeding (siehe auch Artikel 5.2.1) berücksichtigen
  • Enterale Ernährung, wenn möglich, bevorzugen
  • Vermeidung von Hypo- und Hyperalimentation (< 70 % und > 110 % der Energiezufuhr)
  • Indirekte Kalorimetrie als Goldstandard

Nährstoffbedarf


Kalorienziel

Indirekte Kalorimetrie
VCO2 x 8,19
20 – 25 kcal/kg KG (siehe auch Artikel 1.3.1)

Eiweißziel
1,3 g/kg KG
ggf. erhöhter Bedarf bei speziellen Indikationen (z.B. Dialysepflichtigkeit,…) (siehe auch Artikel 1.3.1)

Kohlenhydrate
max. 4 g/kg KG

Fett
1,5 g/kg KG

Allgemeines

  • Energie- und Eiweißbedarfsberechnung, Körpergewichtsadaptierung (siehe auch Artikel 1.3.1)‍
  • Energiezufuhr durch „non-nutritional-calories“ (NNC) beachten (CAVE: Überernährung), z. B. Citrat-Dialyse (ca. 200-400 kcal), Propofol (ca. 1,1 kcal/ml), Glucoselösungen (5 % = 0,2 kcal/ml), Cleviprex® (ca. 1,86 kcal/ml)
  • So früh wie möglich Unterstützung der Ernährungseffekte durch Mobilisation/ Muskeltraining

Umsetzung der Ernährungstherapie

  • Start der Ernährungstherapie und Steigerung der Nährstoffzufuhr abhängig von der Phase der kritischen Erkrankung
  • bei fehlenden Kontraindikationen (schwere hämodynamische Instabilität – Serumlaktat > 3 mmol/L, schwere Azidose – pH < 7,2, fehlende GI‑Integrität, inadäquate GI‑Perfusion) Beginn EE innerhalb von 24 – 48 Stunden nach Aufnahme auf der ICU
  • in der ersten Woche sollen ca. 80 % des definierten Energieziels erreicht werden, d.h. z. B.
    • Tag 1 – 2: Minimale enterale Ernährung (10 – 20 ml/h)
    • Tag 3: 30 %
    • Tag 4: 50 %
    • Tag 5 – 7: 80 %
  • Proteinziel (100 %) soll bis Tag 7 erreicht werden
  • Adaptation nach der individuellen metabolischen Toleranz (z. B. Blutzuckerspiegel, Insulinbedarf, Phosphatkonzentration) CAVE: Entwicklung eines Refeeding Syndroms (siehe auch Artikel 5.2.1)
  • Engmaschige Laborkontrollen (Laktat, Blutzucker, Elektrolyte, …)
  • Additive parenterale Ernährung: ab Tag 4, wenn Tages-Energieziel (s. o.) durch enterale Ernährung nicht erreicht werden kann
  • Glutamin: enterale Glutamingabe nur bei Verbrennung > 20 %: 0,3 – 0,5 g/kg KG bzw. Trauma: 0,2 – 0,3 g/kg KG
    bei instabilen/komplexen ICU-Patient:innen, sowie Betroffenen mit Leber‑/Niereninsuffizienz keine parenterale Glutamin Gabe empfohlen

Besonderheiten

  • Bedarfsgerechte Ernährungstherapie trägt wesentlich zur Verbesserung des Outcomes bei
  • Nüchternzeiten auf das unbedingt notwendige Minimum begrenzen
  • Bei eindeutigen Zeichen einer individuellen metabolischen Intoleranz (Blutzuckerspiegel > 180 mg/dl und/oder Insulinbedarf > 100 IE/24 h sowie Phosphatkonzentration < 0,65 mmol/l) sollte die Kalorien-/Makronährstoffzufuhr so lange auf etwa die Hälfte reduziert werden, bis eine Toleranz erreicht ist.
  • Gastrales Residualvolumen (GRV) kann als Marker für die Funktionalität des oberen Gastrointestinaltraktes herangezogen werden (cut-off > 600ml, 4h nach Pausieren der EE)
  • Bei fehlender GI-Integrität oder anderen Kontraindikation gegen EE kann PE bereits nach 24 – 48 Stunden begonnen werden (individuell entscheiden, Steigerung der Nährstoffzufuhr wie oben beschrieben)

Elke G et al. 2018. DGEM-Leitlinie: Klinische Ernährung in der Intensivmedizin. Aktuelle Ernaehrungsmed. 43(05): 341‑408. (https://doi.org/10.1055/a-0713-8179)

Singer P et al. 2019. ESPEN guideline on clinical nutrition in the intensive care unit. Clinical nutrition. 38(1):48‑79. (https://doi.org/10.1016/j.clnu.2018.08.037)

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