Kapitelübersicht

Inhalt

5.2.1

Refeeding-Syndrom *AP*

Factbox

  • Ein Refeeding-Syndrom (RFS) tritt nach vorangegangener Mangelernährung auf.
  • Leitsymptom: Abfall des Serumphosphats < 0,65 mmol/l und Abfall von mind. 0,16 mmol/l vom Vorwert innerhalb von 72 h nach Wiederaufnahme der Ernährung
  • Mögliche Begleitsymptome: Hypomagnesiämie, Hypokaliämie und klinische Symptomatik
  • RFS muss in der Differentialdiagnose berücksichtigt werden.
  • Ernährungstherapie: Langsame und schrittweise Ernährungszufuhr, personenbezogene individuelle Anpassung, sorgfältige Überwachung von Elektrolyten und Flüssigkeitszufuhr, Phosphat-Supplementierung bei nachgewiesenem Mangel, multidisziplinäres Team zur Behandlungssteuerung.
  • Bei Patient:innen mit Begleiterkrankungen oder spezifischen Bedürfnissen kann eine restriktive Natriumzufuhr erforderlich sein, um Komplikationen zu vermeiden.

Allgemeines

Das Refeeding-Syndrom tritt bei unterernährten Personen auf, wenn sie zu schnell und großzügig mit Nahrung versorgt werden. Die rasche Zufuhr von Kohlenhydraten führt zu einer erhöhten Insulinausschüttung, die Elektrolyte in die Zellen transportiert, was zu gefährlichen Elektrolytverschiebungen führen kann. Dies erfordert eine langsame Ernährungszufuhr und sorgfältige Überwachung, um Komplikationen zu vermeiden.

Pathophysiologie

  • Die gesteigerte Insulinsekretion fördert den anabolen Stoffwechsel im Körper.
  • Dies erhöht den Verbrauch von Thiamin und führt zur Natrium- und Flüssigkeitsretention.
  • Dadurch können Hypophosphatämie, Hypomagnesiämie und Hypokaliämie entstehen.

Klinische Zeichen

  • Tachykardie, Tachypnoe und periphere Ödeme
  • in letzter Konsequenz respiratorisches Versagen, Herz-Kreislauf-Versagen, Tod

Risikofaktoren

 

Hauptrisikofaktoren

  • BMI < 16 kg/m2
  • Ungeplanter Gewichtsverlust > 15 % innerhalb der letzten 3 – 6 Monate
  • Geringe/keine Nahrungsaufnahme > 10 Tage
  • Verminderte-Spiegel (PO4, K oder Mg) vor Beginn einer Ernährungstherapie


Nebenrisikofaktoren

  • BMI < 18,5 kg/m2
  • Ungeplanter Gewichtsverlust > 10 % innerhalb der letzten 3 – 6 Monate
  • Geringe/keine Nahrungsaufnahme > 5 Tage
  • Alkoholmissbrauch oder Medikamente (Insulin, Chemotherapie, Antazida, Diuretika) in der Anamnese

Bei Vorliegen von 1 Hauptrisikofaktor oder 2 Nebenrisikofaktoren ist die Person sehr gefährdet, ein Refeeding-Syndrom zu entwickeln.

Mögliche Auslöser des Refeeding Syndroms:

  • AIDS
  • Alkoholkrankheit
  • Anorexia nervosa
  • Autoimmunerkrankungen
  • Bariatrische Chirurgie
  • Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
  • Chronische Infektionen
  • Chronische Pankreatitis
  • Demenz
  • Drogenabhängigkeit
  • Dysphagie
  • eigenwillige Fastenkuren
  • Endokrinologische Erkrankungen
  • höheres Alter
  • Hungerstreik
  • Intestinale Malabsorption/Maldigestion
  • Lebererkrankungen
  • Längere Nahrungskarenz
  • Marasmus
  • Maligne Tumore
  • Sarkopenie

Umsetzung der Ernährungstherapie

Die Ernährungstherapie bei Refeeding-Syndrom ist entscheidend, um Elektrolytstörungen zu korrigieren und Komplikationen zu verhindern. Empfohlen werden eine langsame Ernährungszufuhr, individuelle Anpassung an den Patienten, Phosphat-Supplementierung und sorgfältige Überwachung von Elektrolyten und Flüssigkeitszufuhr.

Kalorienziel
Beginn mit (5) – 10 kcal/kg KG
langsam steigern (Artikel 1.3.1)

Eiweißziel
1,2 – 1,5 g/kg KG anstreben (Artikel 1.3.1)

Substitution

Phosphat
0,02 – 0,03 mmol/kg KG/h oral oder i. v.
bis 0,65 mmol/l erreicht

Kalium
max. 20 mmol/h
bis Normalwert erreicht

Magnesium
ab 0,5 mmol/l
bis Normalwert erreicht

Thiamin
200 – 300 mg/d oral oder i.v.
bis zur metabolischen Stabilisierung

CAVE: Es kann eine restriktive Natriumzufuhr erforderlich sein, um Elektrolytverschiebungen zu korrigieren und Komplikationen zu vermeiden.

Monitoring

Vitalparameter, Labor (PO4, K, Mg, Na, Ca, BZ, BUN, Kreatinin, Harnelektrolyte, NH3), klinisch-physikalischer Status

Tag 1 – 3 mindestens 1-mal täglich
Tag 4 – 6 mindestens jeden 2. Tag
Tag 7 – 10 mindestens 1-2-mal pro Woche

Besonderheiten

  • Das Auftreten eines RFS ist von der Art der Nahrungszufuhr unabhängig. Bei vergleichbarem Energiegehalt ist das Risiko bei enteraler Ernährung höher als bei parenteraler Ernährung. Dies ist vermutlich auf eine überschießende Insulinsekretion, ausgelöst durch intestinale Inkretine zurückzuführen.
  • Die Glukosezufuhr soll zunächst auf die Menge der endogenen Glukoseproduktion (etwa 150 g/d) begrenzt werden, um die Freisetzung von Insulin zu minimieren.
  • Die gesteigerte Insulinsekretion im Refeeding verursacht eine Antinatriurese. Die Hypernatriämie wird zusätzlich durch die nahrungsbedingte Zufuhr verstärkt. Die Folge sind gesteigerte Flüssigkeitsretention mit Expansion des extrazellulären Volumens, periphere Ödeme bis Herzversagen.
  • Eine individuelle Substitutionstherapie von Elektrolyten und Flüssigkeit kann bereits vor oder parallel zur Ernährungstherapie erfolgen.
  • Nicht jede (v.a. geringfügige) Elektrolytauslenkung bedarf einer Substitution. Bei therapierefraktärer Hypokaliämie evtl. Hypomagnesiämie mitkorrigieren.
  • Bei einem BMI < 14 kg/m2 oder wenn 2 Wochen eine vernachlässigbare Energiezufuhr erfolgte: 5 kcal/kg KG und langsamere Steigerungsraten.
  • Bei Auftreten eines RFS keine Steigerung der Ernährungszufuhr bis Elektrolyt-Normalwerte erreicht sind. Bei außergewöhnlich hohem Elektrolyt-Bedarf Ernährungszufuhr reduzieren.
  • Thiaminmangel führt zu einer eingeschränkten Funktion des Zitratzyklus und kann dadurch eine Laktatazidose induzieren.

Marik PE, Bedigian MK. 1996; Refeeding hypophosphatemia in critically ill patients in an intensive care unit. A prospective study. Arch Surg. 131: 1043–1047. (https://doi.org/10.1001/archsurg.1996.01430220037007)

National Institute for Health and Clinical Excellence. 2006. Nutrition support in adults. Verfügbar unter https://www.nice.org.uk/guidance/cg32 [31.05.2020]

Rio A et al. 2013. Occurrence of refeeding syndrome in adults started on artificial nutrition support: prospective cohort study. BMJ Open. 3: e2173. (https://doi.org/10.1136/bmjopen-2012-002173)

Stanga Z, Brunner A, Leuenberger M, Grimble RF, Shenkin A, Allison SP, Lobo DN. Nutrition in clinical practice-the refeeding syndrome: illustrative cases and guidelines for prevention and treatment. Eur J Clin Nutr. 2008 Dec;62(12):687-94. (doi: 10.1038/sj.ejcn.1602748. Epub 2007 Jul 18. PMID: 17637603)

Zauner C, Schneeweiss M, Schmid M, Wewalka M. 2020. Das Refeeding-Syndrom. Journal für Gastroenterologische und Hepatologische Erkrankungen. 18: 30-38. (Das Refeeding-Syndrom | SpringerLink)

Erstellt am