Home » 3. Organe, Systeme und Spezialthemen » 3.4 Darm » 3.4.1 Kurzdarmsyndrom, Chronisches Darmversagen, Ileostoma, Ileoanaler Pouch
Kapitelübersicht
Inhalt
3.4.1
Kurzdarmsyndrom, Chronisches Darmversagen, Ileostoma, Ileoanaler Pouch *AP*
Factbox
- Wenn möglich, präoperative Vorbereitung (Artikel 2.1.1)
- Postoperativer Nahrungsaufbau (Artikel 2.1.2)
- Ernährungstherapeutische und medikamentöse Therapie zur Stuhlmodulation
- Um einen Energie- und Nährstoffmangel vorzubeugen, regelmäßige Erfassung des Ernährungszustandes und der (Mikro-)Nährstoffzufuhr, -aufnahme und -verwertung
- Kontinuierliche diätologische Interventionen zur Vermeidung von Langzeitfolgen
- Dokumentation der fehlenden Darmabschnitte, Ausmessen der Restdarmlänge und Erhebung der Darmfunktion
Definition
Das Kurzdarmsyndrom zeigt eine bemerkenswerte Vielfalt an Ausprägungen, bei denen die Funktion des Darms infolge ausgedehnter Resektionen stark beeinträchtigt ist. Diese Beeinträchtigung ist derart ausgeprägt, dass die normale Verdauung und Aufnahme von Makro- und Mikronährstoffen sowie Flüssigkeiten nur noch durch gezielte Maßnahmen aufrechterhalten werden können. In einigen Fällen ist es notwendig, auf künstliche (intravenöse) Ernährung zurückzugreifen, um die fehlenden Funktionen zu ergänzen oder komplett zu ersetzen. Als Ileostoma wird ein künstlicher Darmausgang bezeichnet. Unter einem Ileoanalen Pouch versteht man ein künstliches Stuhlreservoir, welches operativ geschaffen wird. Das KDS kommt mit einer Häufigkeit von 1-2 Fällen pro 100.000 Fällen vor.
Nährstoffbedarf
Kalorienziel
25-35 kcal/kg KG (richtet sich nach der individuellen Resorptionskapazität)
(Artikel 1.3.1)
Eiweißziel
postoperativ 1,3-1,5 g/kg KG
langfristig 1-1,5 g/kg KG (Artikel 1.3.1)
Flüssigkeit
postoperativ 30-40 ml/kg KG (bis zum Erreichen einer Harnmenge von mind. 15 ml/kg KG/d)
langfristig 25-35 ml/kg KG
Sonstiges
Bis zur Erreichung eines normalen Serumspiegels: Elektrolyt-, Vitamin-, Spurenelementsubstitution
Umsetzung der Ernährungstherapie

QUELLE: KUGEL E., TRAUB J., EISENBERGER A., HAMMER H., PFEIFER J. SOP KURZDARMSYNDROM UND DARMVERSAGEN. LKH-UNIV. KLINIKUM GRAZ. 2018
Die Ernährungstherapie bedarf eines regelmäßiges Monitorings, bestehend aus:
- Körpergewicht
- Körperzusammensetzung
- Flüssigkeitsstatus, Harnmenge
- Stomaoutput, Stuhlmenge
- pH-Wert, Elektrolyte, Spurenelemente,
- Vitamine, Nierenparameter,
- Triglyceride, Blutzucker
- Knochendichte (1x jährlich)
Umsetzung Postoperative Ernährung
- Frühestmöglicher Beginn einer oralen und/oder enteralen Ernährung, ggf. parenteraler Ausgleich
- Verwendung von Standardsondennahrung (EE)
- Stufenweiser adaptierter Kostaufbau
- Einsatz von Trinknahrungen (Osmolarität ca. 250 mOsmol/L)
- Isotone bis leicht hypotone Getränke zur Rehydration (Osmolarität von ca. 250 mOsmol/L) -> Rezepte siehe unten
Besonderheit Kurzdarmsyndrom
- Unmittelbare postoperative Flüssigkeitssubstitution, sowie nach Stabilisierung der hämodynamischen Situation parenterale Ernährung und früher oraler Kostaufbau
- Harn- und Stuhlbilanzierung (Zielharnmenge mind. 1L/24h – Verlauf Nierenparameter)
- Laufende Evaluierung der Ernährungstherapie und des klinischen Verlaufes im multiprofessionellen Team
Umsetzung langfristige, orale Ernährung
- Bei vorhandenem Kolon:
- ggf. Reduktion/Modifikation der Fettzufuhr, ggf. Supplementation mit MCT-Fetten (mittelkettige Triglyzeride) bei persistierenden Steatorrhoen
- Reduktion von oxalatreichen Lebensmitteln (Spinat, Rhabarber, Nüsse, Schokolade, Mango) und Kalziumsubstitution
- Vitamin B12 Substitution bei Entfernung des terminalen Ileums
Besonderheit Ileoanaler Pouch
- Bei Stuhlinkontinenz stuhlfördernde Lebensmittel und Getränke vermeiden
Medikamentöse Therapie
- Säuresuppression mit einem Protonenpumpenhemmer in der Hypersekretionsphase und bei persistierend hohen Stuhlvolumen, initial intravenös
- Motilitätshemmende Antidiarrhoika (Loperamid, Opioide, Somatostatin)
- Pankreasenzyme zur besseren Fettabsorption (Ist der Einsatz von Pankreasenzymen langfristig erforderlich, sollte eine Patient:innenschulung erfolgen.)
Besonderheit Kurzdarmsyndrom
- Colestyramin bei chologener Diarrhoe, wenn das terminale Ileum entfernt wurde und das Kolon vorhanden ist
- Nach genauer Indikationsstellung: Teduglutide zur Förderung der intestinalen Adaption
Besonderheiten
- Stimulierung der enteralen Adaption durch luminale Nahrungszufuhr Keine ausreichende Evidenz für eine Glutamin-Gabe
- Heim-Parenterale Ernährung (HPE):
- Indikation: wenn Resorption von oraler/enteraler Ernährung zu gering ist; wenn Elektrolyte, Vitamine, Spurenelemente oder Bicarbonat im Labor nicht ausgeglichen sind
- IV-Zufuhr gemäß Labormonitoring kontinuierlich anpassen
- Essentieller Fettsäuremangel ist sehr häufig, daher HPE immer mit Omega-3-Fettsäuren
- Meist besteht trotz kalorisch adäquater Energiezufuhr ein zusätzlicher Elektrolyte-, Bicarbonat-, Spurenelement- oder Vitaminbedarf.
- CAVE: gute Schulung von Hygiene und Handhabung
Rezeptvorschläge isotone Getränke
Schwarztee/ Kräutertee/Kamillentee/Früchtetee:
2 Teebeutel mit 1 Liter kochendem Wasser überbrühen und 15 Minuten ziehen lassen. Mit 40 g Traubenzucker (Dextropur) süßen, 1 g Kochsalz zufügen.
Heidelbeertee:
40 g (ca. 6 Esslöffel) getrocknete Heidelbeeren in Wasser einweichen, zerquetschen und mit 1 Liter Wasser zum Kochen bringen (Einweichwasser mit verwenden). 15 Minuten ziehen lassen und abseihen. Mit 40 g Traubenzucker (Dextropur) süßen, 1 g Kochsalz zufügen.
Himbeersirup/Orangensirup:
80 ml Himbeer- oder Orangensirup mit 920 ml Trinkwasser mischen. 1 g Kochsalz zufügen und verrühren.
Holundersirup:
60 ml Holundersirup mit 940 ml Trinkwasser mischen. 1 g Kochsalz zufügen und verrühren.
- Literatur
Eisenberger A., Berger S., Mischinger HJ., Schemmer P. Perioperatives Ernährungsmanagement – How we do it!. LKH-Univ. Klinikum Graz. 2020
Hammer H. Therapielexikon – Gastroenterologie & Hepatologie. 2005. Springer Verlag.
Klek S, Forbes A, Gabe S, Holst M, Wanten G, Irtun Ø, u. a. Management of acute intestinal failure: A position paper from the European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) Special Interest Group. Clin Nutr. Dezember2016;35(6):1209–18. (https://doi.org/10.1016/j.clnu.2016.04.009)
Lamprecht G, Pape U-F, Witte M, Pascher A, und das DGEM Steering Committee. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. in Zusammenarbeit mit der AKE, der GESKES und der DGVS. Aktuelle Ernährungsmedizin. 11. April 2014;39(02):e57–71. (http://dx.doi.org/10.1055/s-0034-1369922)
Pironi L, Arends J, Bozzetti F, Cuerda C, Gillanders L, Jeppesen PB, u. a. ESPEN guidelines on chronic intestinal failure in adults. Clin Nutr. April 2016;35(2):247–307. (https://doi.org/10.1016/j.clnu.2016.01.020)
Johanne Le Beyec, Lore Billiauws, André Bado, Francisca Joly,1,3 and Maude Le Gall. Short Bowel Syndrome: A Paradigm for intestinal Adaptation to Nutrition? Annual Review of Nutrition. Vol.40:299-321, 2020 (https://doi.org/10.1146/annurev-nutr-011720-122203)
Erstellt am