Kapitelübersicht

Inhalt

5.3.1

Ethische Überlegungen für die Ernährungstherapie

Factbox

  • Die grundlegende Ernährungsform ist eine orale Nahrungsaufnahme durch den Betroffenen selbst evtl. mit pflegerischer Unterstützung.
  • Voraussetzung: keine Gefährdung durch orale Nahrungsaufnahme (z.B. Aspirationsgefahr)
  • Enterale und parenterale Ernährung [= Ernährungstherapie (ETH)] unterliegt der allgemeinen Indikationsstellung.
  • Comfort Feeding Only (CFO) = willkürliche orale Nahrungsaufnahme nach Wunsch des Betroffenen vorrangig zum „Genuss“ ohne Anspruch der Bedarfsdeckung
  • ETH ist nicht gerechtfertigt bei fehlender Indikation (keine Heilung, keine Verbesserung der Prognose) oder fehlendem Willen der Patientin bzw. des Patienten (PW).

Notwendige Abklärungen vor ETH

Bestimmung der Erkrankungsphase

  • Rehabilitationsphase (ETH indiziert)
  • Prä-Terminalphase (ETH indiziert)
  • Terminalphase (ETH hinterfragen, CFO)
  • Sterbephase (ETH kontraindiziert, CFO)

 

‍Indikationen für ETH

  • kuratives oder erhaltendes Therapieziel = Heilung, Prognoseverbesserung oder Stabilisierung des gewünschten Istzustandes

 

Wille der Patientin und des Patienten (PW)

  • akuter PW
  • vorverfügter PW (z.B. Verfügung der Patientin und des Patienten)
  • mutmaßlicher PW

Grundrecht Ernährung

  • Recht auf angemessene Ernährung ist in den Menschenrechten verankert (The International Declaration on the Human Right to Nutritional Care – Vienna Declaration 2022)
  • definiert als jederzeitiger physischer und wirtschaftlicher Zugang zu angemessener Nahrung oder Mitteln zu ihrer Beschaffung bzw. Anspruch auf indizierte ETH
  • Zwangsernährung ist nur gerechtfertigt im Strafvollzug und nach psychiatrischer Unterbringung.

Ernährung am Lebensende (Terminal- und Sterbephase)

  • Eine katabole Stoffwechsellage am Lebensende ist auch durch ETH nicht beeinflussbar.
  • Damit ist in dieser Phase häufig ein Gewichtsverlust zu beobachten.
  • ETH kann aufgrund der Katabolie (z.B. ausgelöst durch Mediatoren der Inflammation) nicht mehr verstoffwechselt werden.
  • CFO ist geboten und dient dazu, um evtl. Hunger- oder Durstgefühl zu stillen
  • Dehydratation in der Sterbephase führt zu endogener Opioidausschüttung.
  • Durch fehlende Nährstoffzufuhr kommt es zur Ketose, die eine euphorisierende und anästhesierende Wirkung entfaltet.‍
  • CAVE: Flüssigkeitsüberladung -> Erbrechen, Aspirationen, Atemnot, Ödeme, Verschleimung, Schmerzen

Indikationen für PEG (Perkutane endoskopische Gastrostomie)-Sonde

  • Nur bei Indikation für Ernährungstherapie inkl. Flüssigkeitszufuhr!
  • Relative Indikation zur Verabreichung vital notwendiger oral verfügbarer Medikamente.
  • Bei passagerer Schluckstörung (zb. bei Insulten, Therapie von HNO-Tumoren, Bestrahlung)
  • Die PEG-Sonde kann nach Wiederherstellung des Schluckfunktion temporär additiv verwendet oder zur Gänze entfernt werden.

Komplikationen der PEG-Sonde

  • typische Komplikationen der PEG-Sonde (Dislokation, Blutung, Infekt, Peritonitis…)
  • CAVE: Aspiration von Mageninhalt bei fehlenden Tonus im Ösophagussphinkter und mangelhafter Schutzreflexe im Bereich des Larynx, begünstigt durch unzureichende Hochlagerung des Oberkörpers und bolusartiger Verabreichung der Nahrung.
  • Fehlende spontane Nahrungsaufnahme und/oder Dysphagie bei fortgeschrittenem kognitiven Abbau und Demenz ist als Indikation für einen PEG-Sondenanlage sehr kritisch abzuwägen.
  • Laut vorliegender Studien bewirkt bei inkorrekter Indikationsstellung die Anlage einer PEG-Sonde keine Gewichtszunahme, keinen Muskelaufbau, unveränderte Mortalität und Komplikationsraten (Aspirations- und Infektionsrisiko) sowie keinen Gewinn von Lebensqualität.

Besonderheiten in der Sterbephase

  • Flüssigkeitsgabe stillt nicht Hunger und Durst, erhöht jedoch die Komplikationen des Flüssigkeitsoverloads
  • Sauerstoffgabe verbessert nicht die Atemnot, steigert jedoch durch Austrocknen des Mundes das Durstgefühl
  • Therapie der Atemnot sind ausschließlich Opioide

Marckmann, Georg. Grundlagen ethischer Entscheidungsfindung in der Medizin. Praxisbuch Ethik in der Medizin (2015): 3-14.

Chabot, Boudewijn, Christian Walther, and Dieter Birnbacher. Ausweg am Lebensende: selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken. München: Reinhardt, 2010.

Weixler, Dietmar, et al. Leitlinie zur Palliativen Sedierungstherapie (Langversion). Wiener Medizinische Wochenschrift 167.1 (2017):31-48. (Leitlinie_zur_Palliativen_Sedierung.pdf (hospiz.at))

Synofzik, Matthias. PEG-Ernährung bei fortgeschrittener Demenz. Der Nervenarzt 78.4 (2007): 418-428. (PEG-Ernährung bei fortgeschrittener Demenz | SpringerLink)

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