Kapitelübersicht

Inhalt

5.1.2

Ernährung bei Dysphagie *AP*

Factbox

  • Risikogruppe: Neurologische Erkrankungen (-80%), Intensivpatient:innen (-90%)
  • Dysphagieabklärung (Screening, Klinische Schluckuntersuchung, endoskopisch und radiologisch)
  • Therapieoptionen: Schlucktraining, Nahrungskonsistenzanpassung
  • Wiederherstellung der Schluckfunktion kann von Tagen bis Monate dauern
  • Verlauf der Schluckstörung engmaschig verfolgen, inkl. tatsächlicher Nahrungsaufnahme
  • Bei unzureichender Ernährung, klinische Ernährung mittels Sonde frühzeitig einsetzen

Definition


Unter Dysphagie versteht man jegliche Schluckstörung. Sie wird anatomisch unterteilt in

  1. Ösophageale Dysphagie, z. B. durch Ösophagusstenose, Fistelbildung
  2. Oropharyngeale Dysphagie, z. B durch Tumore, neurologische Erkrankungen

 

Folgende Ursachen kommen in Betracht:

  1. Neurologisch
  2. Organisch
  3. Medikamentös
  4. Altersassoziiert (z. B. bei dementiellen Erkrankungen)
  5. Psychogen

Risikogruppen

  • Inzidenz der Dysphagie nimmt mit dem Alter zu
  • Personen mit neurologischen Erkrankungen (Schlaganfall, neurodegenerative und chronisch entzündliche Erkrankungen)
  • während und nach eines intensivmedizinischen Aufenthaltes
  • Menschen, bei denen die Vigilanz herabgesetzt ist

Screening und klinische Untersuchung

Screening wird mittels strukturierter Fragebögen und Beobachtungen durchgeführt GUSS-Screening

Die klinische Untersuchung erfolgt durch strukturierte Beobachtung des Schluckens von Nährstoffen und Getränken unterschiedlicher Konsistenz zumeist durch logopädische Fachkräfte GUSS-Screening

Hinweise auf eine Schluckstörung:

  • Husten, Räuspern und/oder Würgen bei der Nahrungsaufnahme oder beim Trinken (BEACHTE: fehlt bei stiller Aspiration!)
  • Hörbare Veränderung der Stimme (brodelnd, belegt)
  • Speisereste im Mund und/oder Rachenraum
  • Nahrung/Flüssigkeit/Speichel läuft aus dem Mund
  • Erschwerte/verlängerte Nahrungsaufnahme
  • Fieber/Infektionen unklarer Herkunft
  • Vermehrte Verschleimung
  • Gewichtsverlust
  • Angst vor dem Schlucken
  • Ausspucken von Nahrung
  • Schmerzen beim Schlucken
  • Gefühl des Steckenbleibens von Nahrung im Hals (Fremdkörpergefühl)
  • Haltungsänderung beim Schlucken

Diagnostik

Die diagnostische Untersuchung richtet sich nach der Vigilanz, der Kooperationsfähigkeit und individuellen Lagerungsmöglichkeit und Mobilität der Patient:innen.

  1. HNO Untersuchung mittels FEES (Fiberoptic Endoscopic Evaluation of Swallowing), Betroffene müssen kooperativ und vigilant sein
  2. Radiologische Untersuchung (Schluckakt mit Röntgenkontrastmittel und Videokinematographie – Patient:innen müssen stehen können)
  3. Endoskopie zur Feststellung zur Beurteilung des Ösophagus (z.B. zum Ausschluss von Engstellen, Frakturen, etc.)
  4. CT, MR Hals-Thorax bei spezieller Fragestellung

Umsetzung der Ernährungstherapie

Die Ernährungstherapie erfordert in Abhängigkeit von der spezifischen Diagnostik eine Anpassung der Konsistenz von Nahrung und Getränken.

  • Konsistenzen für die Speisen- und Getränkeanforderung/-zubereitung lt. IDDSI (https://iddsi.org/)*
    KRAEMER ET AL. 2019. VOLLSTÄNDIGE IDDSI GRUNDSTRUKTUR UND BESCHREIBUNG 2.0.

  • Bei Bedarf amylaseresistente, konsistenzadaptierte Trinknahrungen und Einsatz von Eindickungsmitteln.
  • BEACHTE: Eine Entfernung der nasogastralen Sonde (NGS) während der Schlucktherapie ist zwar generell nicht nötig, aber Schlucktraining kann durch die Anwesenheit einer NGS behindert sein.

CAVE: Schlucken wird durch eine aufrechte Körperhaltung und gute Vigilanz begünstigt.

Umsetzung der Nährstoffbedarf

 

Kalorienziel
25 – 30 kcal/kg KG Artikel 1.3.1‍

Eiweißziel
Bis 1,5 g/kg KG Artikel 1.3.1‍

Sonstiges
Individuelle Berücksichtigung von Komorbiditäten‍

Cichero J, Lam P, Steele C et al. 2017. Development of International Terminology and Definitions for Texture-Modified Foods and Thickened Fluids Used in Dysphagia Management: The IDDSI Framework. Dysphagia. 32: 293–314. (https://doi.org/10.1007/s00455-016-9758-y)

Kraemer et al.2019. Vollständige IDDSI Grundstruktur und Beschreibung 2.0. Aufgerufen am 18.02.2021, von IDDSI_Framework_V2_German-_Final_22Jun2020.pdf (IDDSI_Framework_V2_German-_Final_22Jun2020.pdf)

Trapl M, Enderle P, Nowotny Met al. 2007. Dysphagia bedside screening for acute-stroke patients: the Gugging Swallowing Screen. Stroke. 38: 2948–2952. (https://doi.org/10.1161/strokeaha.107.483933)

Wirth R, Dziewas R, Jäger M et al. 2013. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) in Zusammenarbeit mit der GESKES, der AKE, der DGN und der DGG Klinische Ernährung in der Neurologie. Aktuel Ernahrungsmed. 38(04): e49-e89. (Thieme E-Journals – Aktuelle Ernährungsmedizin / Abstract (thieme-connect.com))

Dziewas R., Pflug C. et al., Neurogene Dysphagie, S1-Leitlinie, 2020, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. (030-111l_Neurogene-Dysphagie_2020-05.pdf (awmf.org))

Bischoff C, Singer P, Wirth R et al. 2017. ESPEN guideline clinical nutrition in neurology. Clin Nutr. 37(1): 354-396. (https://doi.org/10.1016/j.clnu.2017.09.003)

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