Kapitelübersicht

Inhalt

3.3.1

COPD und chronische Lungenerkrankungen*AP*

Factbox

  • Beginn der Ernährungsintervention möglichst frühzeitig
  • Vermeidung von Adipositas und Untergewicht
  • Erhalt/Aufbau der Muskelmasse
  • Auf eine adäquate Eiweißzufuhr achten
  • Signifikant erhöhte Mortalitätsrate bei niedrigen oder abnehmenden BMI
  • Körperliches Training verbessert die Wirksamkeit von Ernährungsinterventionen

Allgemeines

COPD ist eine chronische Erkrankung, die mit zunehmenden Alter in der Bevölkerung zunimmt und deren Prävalenz mit 3-10% bei Erwachsenen angegeben wird. Weltweit ist COPD die dritthäufigste Todesursache. Symptome der COPD können durch Adipositas verstärkt werden und Verschlechterung des Ernährungszustandes ist ein Hinweis auf Progression der COPD. Sowohl hypoxische wie hyperkapnische Phasen triggern einen erhöhten Katabolismus. Dyspnoe bei chronischen Lungenerkrankungen mit Atemfrequenzen über 25 (Atemzüge pro Minute) erschwert das Schlucken in einem Ausmaß, dass auf Essen verzichtet wird. ‍

Nährstoffbedarf


Kalorienziel

Der Nährstoffbedarf wird im Vergleich zu Gesunden als gering erhöht angesehen.
Immobile Person: 20 – 25 kcal/kg KG
Mobile Person: 30 kcal/kg KG
Bei Exazerbationen auf Ausgleich ungenügender Mahlzeiten achten (Artikel 1.3.1)

Eiweißziel
Muskelaufbau: 1,6 – 2,0 g/kg KG (bei erfolgreichem Trainingsprogramm)
Muskelerhalt: 1,2 – 1,9 g/kg KG (Artikel 1.3.1)

CAVE: CKD (Artikel 3.7.1)

Sonstiges‍
Berechnungen bei Adipositas auf Basis des adipositaskorrigierten Gewichts.
Bei Untergewicht auf Basis des Ist-Gewichts. (Artikel 1.3.1)

Umsetzung der Ernährungstherapie

  • Bei COPD sollte dem Verlauf des Gewichtes Beachtung geschenkt werden und bei schwerer COPD kann die regelmäßige Bestimmung der Körperzusammensetzung dazu dienen, den Erfolg der Ernährungstherapie und die Progression der COPD zu beurteilen.
  • Bei komplexen Patient:innen kann eine Ernährungserhebung (24h Befragung) zur Identifikation von Ernährungsproblemen hilfreich sein
  • Verteilung mehrerer kleiner Mahlzeiten und Eiweißportionen über den Tag. Nicht mehr als 30 g (=3 Eiweißportionen s.o.) Eiweiß pro Mahlzeit.
  • Einteilung der Eiweißmenge in Eiweißportionen (10g reines Eiweiß entspricht einer Eiweißportion und dient als Anhalt, 1 Eiweißportion sind z. B. 300 ml Milch, 1 Hühnerei, 50 g Schnittkäse oder Wurst)
  • Körperliches Training verbessert die Wirksamkeit von Ernährungsinterventionen.
  • Eine medizinische Trainingstherapie verstärkt den Effekt in Hinblick auf Gewichtsmanagement, Fett Freier Masse (FFM) und Leistungsfähigkeit.‍
  • CAVE: Auch normal- und übergewichtige Personen können von einem COPD bezogenen Muskelverlust betroffen sein (Sarkopenische Adipositas).

 

Mangelernährung

  • Energiereiche bzw. -angereicherte Speisen verwenden.
  • Bei Bedarf auf ONS oder Nahrungs-Supplemente zurückgreifen.
  • Bei Appetitverlust Speisen und ONS auf kleine Mahlzeiten über den Tag aufteilen.

 

Übergewicht

  • Energiedichte der Lebensmittel / Sondennahrung reduzieren.
  • Bei geplanter Gewichtsabnahme auf Erhalt der Eiweißzufuhr und genügend Bewegung achten.

 

Wann sollte eine Ernährungsintervention erfolgen?

  • bei Progression der COPD
  • bei Abnahme der Mobilität
  • bei positiven Ernährungsscreening (bei auffälligen Veränderungen der Ernährung)

Besonderheiten

  • Bei kritisch kranken Patient:innen mit COPD und Weaning Problemen sollte die Möglichkeit von Überernährung durch die klinische Ernährung in Betracht gezogen werden. Bei Verdacht auf Überernährung kann die Reduktion der Gesamtnährzufuhr um etwa ein Drittel über einige Tage versucht werden.
  • Bei kritisch Kranken ist die CO2-Produktion primär von der Gesamtmenge der zugeführten Nährstoffe abhängig.
  • Eine relative Verminderung der CO2-Produktion durch fettreiche enterale oder parenterale Ernährung konnte keinen Vorteil zeigen.
  • Vorteile einer Supplementierung von Antioxidantien über die Referenzwerte hinaus sind derzeit nicht ausreichend wissenschaftlich belegt.
  • Präferieren einer entzündungshemmenden Ernährung mit erhöhtem Anteil an Docosahexaensäure (DHA), Eicosapentaensäure (EPA) und Bedarfsdeckung von antioxidativ wirkenden Mikronährstoffen.
  • Auf Vitamin D Hypovitaminosen achten und gegebenenfalls Vitamin D substituieren.
  • Betroffene sind multimorbid aufgrund der systemischen Inflammation. Kardiovaskuläre Erkrankungen, Osteoporose, metabolische Erkrankungen inkl. Diabetes mellitus und arterielle Hypertonie sowie gastrointestinale Beschwerden inklusive Reflux sind häufig.
  • Bei mangelernährten Patient:innen den Ausgleich von Nebenwirkungen von Medikamenten in Betracht ziehen (Mundtrockenheit, Entzündungen der Mundschleimhaut, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erhöhung des Grundumsatzes, gastrointestinale Beschwerden).
  • Der BODE Index (https://www.mdcalc.com/bode-index-copd-survival) errechnet sich auch aus dem BMI und ermöglicht die Einschätzung der 4-Jahresmortalität bei Patient:innen mit COPD.
  • 1000 kcal: 200-250 l CO2

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